Interview mit S.H. Karmapa Thaye Dorje


Neu Delhi, 25. Dezember 2003


„Das Tilopa Institute wird viele Übersetzer der
Karma Kagyü Linie hervorbringen“
                                                                 Karmapa Thaye Dorje


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Karmapa

Am 1. Dezember 2003 wurde Karmapa Thaye Dorje am Karmapa Institute in Neu Delhi offiziell die Position eines Vidyadhara, oder Höchsten Tantra Meisters, übertragen. Damit wurde der Abschluss seines Studiums der Sutras und Tantras sowie der Erhalt aller wichtigen Kagyu-Einweihungen im Rahmen einer feierlichen Zeremonie begangen. Aus aktuellem Anlass hat Gyalwa Karmapa ein Interview gegeben, in dem er über die Aktivitäten der Karma Kagyu Linie in Indien, seine Zukunftspläne und das Tilopa Institute spricht.

Hintergrund: Der Lehrplan einer Shedra (buddhistischen Hochschule), wie z.B. in Kalimpong, besteht aus einem sechsjährigen Studium der Sutras und dem anschließenden dreijährigen Studium der Tantras. Zusätzlich werden weitere Schriften der buddhistischen Philosophie gelehrt sowie Erkenntnistheorie und die Kunst des Debattierens. Danach kann der Titel eines Khenpos (höchster akademischer Grad buddhistischer Studien) erworben werden.

Wozu dienen diese langen Studien? Welche Qualifikation hat ein Student nach Abschluss der Shedra?
Die Schüler und Studenten müssen vor allem so viel lernen, weil der Dharma heutzutage nicht nur in Indien oder Tibet populär ist, sondern auf der ganzen Welt. Es gibt also viele Menschen, die am Dharma interessiert sind. Es gibt viele Zentren und ich denke, dass es in Zukunft sogar viele Klöster auf der ganzen Welt geben wird. Aus diesem Grund also, um die Menschen an den Buddhismus heranzuführen und den Dharma zu lehren, brauchen wir viele Khenpos.

An der Schule des Tilopa Institute bildet der Sprachunterricht neben den allgemeinen buddhistischen Fächern einen weiteren Schwerpunkt.
Gyalwa Karmapa, welche Pläne haben Sie für die Schule des Tilopa Institute?

Das Tilopa Institute wird eigentlich sehr ähnlich wie das Institut in Kalimpong sein. Ein Ort, an dem junge Mönche ab einem Alter von etwa 12 Jahren viele Jahre studieren, ihren Abschluss machen und Khenpo werden. Das Besondere am Tilopa Institute ist, dass es sich vor allem darauf konzentriert, sehr spezielle Übersetzer auszubilden. Denn bis jetzt sind noch nicht sehr viele Schriften – wie Ritualtexte und Dharma-Belehrungen - in andere Sprachen übersetzt worden. Die Texte wurden nicht speziell von den Karma Kagyus übersetzt, das ist der Hauptgrund. Das Tilopa Institute ist ein Ort, der viele Übersetzer hervorbringen wird.

Dient das Kloster des Tilopa Institute in Zukunft der Ausbildung weitere junger Mönche oder wird es eine Art Dauerresidenz für die ersten 40 Mönche, die jetzt dort ausgebildet werden?
Es wird einerseits wie eine Schule sein, gleichzeitig aber auch ein Kloster. Sobald die ersten Mönche ihr Studium abschließen und sie junge Khenpos geworden sind, können sie natürlich selbst Lehrer des Instituts werden. Einige der Lehrer werden danach vielleicht an andere Institute gehen, um dort zu lehren.

Die Jungen hier aus dem Himalaja-Gebiet sind alle ordiniert wenn sie den Dharma studieren. Nehmen sie die Gelübde, um zu studieren?
Sie haben die Gelübde genommen, weil sie ihr gesamtes Leben den Dharma Aktivitäten widmen möchten. In Tibet wurde es allerdings beispielsweise zur Tradition, dass man bereits Kinder im sehr frühen Alter von fünf oder sechs in die Klöster schickte. Ich denke aber, es wäre besser Jugendliche erst im Alter von vielleicht 14 oder 15 Jahren im Kloster aufzunehmen, die selbst entscheiden können, ob sie ordiniert werden möchten oder nicht.

Ist es auch für Laien möglich an Dharma-Schulen zu studieren?
Ja, natürlich ist es möglich. Der Dharma ist nicht nur für Mönche und Nonnen bestimmt. Er ist für jeden Einzelnen. Jedes Individuum kann ihn praktizieren, wie es möchte. Ich denke in Tibet gründete sich in den alten Tagen viel auf die Ordination, weil man dadurch mehr Zeit hatte. Man war sozusagen frei von einem „normalen“ Leben, in dem durch die viele Arbeit Hindernisse entstehen. Die Menschen gingen ins Kloster, um mehr Zeit zu haben, ihr Leben dem Ausüben von Dharma Aktivitäten zu widmen und auch selbst den Dharma zu praktizieren. Aber natürlich kann man das auch als Laie tun. Es wird in gewisser Weise einfach ein bisschen schwieriger sein, eben weil... mehr Arbeit.

Wird es in Zukunft also Shedras für Laien geben, um den Dharma zu studieren?
Ich denke für Laien wird es nicht ganz genau das gleich geben. Es sollte etwas anders sein, eher so eine Art KIBI (Karmapa International Buddhist Institute).

Die buddhistischen Schulen hier in Indien sind alle nur für Männer.
Gibt es keine Frauen, die Interesse an diesen Studien haben?

Es gibt viele Religionen rund um die Welt - richtig? Doch Buddhismus ist genau genommen eigentlich keine Religion. Meinem Verständnis nach ist Buddhismus hauptsächlich eine Methode. Einfach eine Methode oder ein Weg, um bessere Gewohnheitsmuster zu entwickeln. So würde ich es ausdrücken.
Deshalb war Buddha sozusagen der erste Lehrer, der etwas lehrte, was für Männer und Frauen gleichermaßen gilt. In einer Zeit, in der es Kastensysteme gab und die Ansicht, dass Frauen minderwertig sind u.s.w. lehrte Buddha jeden den Dharma, um alle gleichzustellen und deutlich zu machen, dass es keine Unterschiede und Hierarchien gibt. Aber natürlich gingen danach sogar in Indien die gleichen Lebensgewohnheiten und Traditionen weiter und auch in Tibet, wo der Buddhismus sich verbreitete.
Heutzutage gibt es Redefreiheit und die Vorstellung, dass jeder gleich ist, dass jeder das gleiche Potential besitzt und dass jeder alles machen kann, ist viel verbreiteter. Ich denke, das ist eine sehr gute Weise, die Dinge zu erfahren, eine bessere Art zu leben. Und durch diese Lebensweise wird der Dharma sogar zu einem noch besseren Werkzeug, um zu zeigen, was Buddha lehrte. Es ist auch mein zukünftiges Ziel, für beide gleiche Institute und gleiche Retreat-Zentren zu schaffen, für Mönche und Nonnen. Es gibt also keinen Unterschied.

Welche Rolle spielen die Klöster in Indien für den Buddhismus und im Besonderen für die Karma Kagyu Linie?
Jede Schule des Tibetischen Buddhismus, wie die Sakya, Nyingma, Kagyu, hat ihre eigenen Rituale und Praktiken aus ihrer jeweils eigenen Quelle. Im Moment haben wir keinen richtigen Hauptsitz in Indien, aber sobald wir ihn haben, werden wir wieder mit den Ritualen fortfahren, die wir vorher gemacht haben, so wie Gyalwa Gyamtso (Allmächtiger Ozean), Phagmo (Rote Weisheit), Demtchok (Höchste Freude). Diese Pujas (gesungene Meditation) haben wir jedes Jahr gemacht und diese Art Programm wird dann fortgeführt. Darüber hinaus können wir auch mit dem Drubdra (Retreat-Zentrum) beginnen. Das Retreat-Zentrum ist für uns natürlich sehr, sehr wichtig, da viele Belehrungen der Kagyupas vor allem auf Meditation und Realisation durch Meditation basieren. Zu diesem Zweck wird es viele Orte für Zurückziehungen in Indien geben.

Wenn Sie über den Drubdra sprechen, meinen Sie das Drei-Jahres-Retreat oder gibt es auch kürzere Zurückziehungen?
Wir werden hauptsächlich Nachdruck auf das Drei-Jahres-Retreat legen, da die Mönche alle Zeit haben, die sie brauchen. Sobald sie in Zurückziehung gehen, können sie für lange, lange Zeit bleiben.

Das Retreat wird nach der Shedra kommen?
Ja, das wird das Beste sein.

Können Sie uns etwas über die Ausbildung der jungen Mönche im Kloster erzählen. Über die verschiedenen Meditationspraktiken, die sie lernen und den Stellenwert der Rituale?
In Klöstern, wie denen in Tibet, lernten die jungen Mönche im Alter von fünf oder sechs Jahren normalerweise erst einmal Lesen und Schreiben. Vor allem Lesen und das Auswendiglernen von vielen Texten. Aber in diesem Fall keine philosophischen Texte wie das Madhyamaka, sondern viele Ritual-Texte. Sie mussten diese Texte und die Ausführung der meisten Rituale lernen.
Wenn sie dann Erwachsen wurden, widmeten sie ihr Leben sozusagen den monatlichen Pujas. Jedes Jahr haben sie ein Programm und führen dieses Programm immer und immer wieder aus. Natürlich ist das an sich keine Praxis, aber das galt nur für das Hauptkloster. Zusätzlich gab es nahe dem Kloster die Schule (Shedra) und das Retreat-Zentrum (Drubdra). In jenen Tagen musste man sich zwischen Shedra oder Drubdra entscheiden, oder man ging in beide.
Ich denke, dass es in Zukunft viel klüger wäre, die jungen Praktizierenden zuerst im Kloster zu ordinieren. Danach besuchen sie dann die Shedra, so dass sie von allem ein sehr gutes Wissen vermittelt bekommen. Denn in der Shedra lernt man alles, vom ABC bis zu den höchsten Stufen der Lama-Belehrungen. Außerdem muss man heutzutage verschiedene Sprachen, Wissenschaften, Geschichte und ähnliches lernen. Sobald sie das getan haben, können sie in den Drubdra gehen, das Retreat- Zentrum. Ich denke, das wird der beste Ablauf sein.

Werden die zukünftigen Absolventen der Shedra auch die westlichen Zentren besuchen, um zu lehren?
Selbstverständlich! Sie werden in die verschiedenen Zentren um die Welt reisen. In Zukunft, sobald wir in Indien eine sehr starke Basis haben, werden wir - wenn es möglich ist und wo es zu der jeweiligen Kultur des Landes passt - auch nach und nach überall Klöster, Shedras und alles andere haben. Genauso wie in Indien.

In Europa, Amerika, Südost- und Ost-Asien gibt es eine steigende Zahl von Laien Zentren, Klöstern, Bibliotheken, Studien- und Meditationskurse, wo die Belehrungen auf unterschiedliche Weise gelernt und praktiziert werden. Alle tragen dazu bei, den Kagyu-Buddhismus zu erhalten und zu verbreiten.

Welche Bedeutung sehen Sie im Austausch und der gegenseitigen Unterstützung von Praktizierenden in Ost und West?
Ich bin hauptsächlich in Europa und in Südost-Asien und zuletzt in Amerika gereist. Durch all die Reisen habe ich gelernt, welche Art von Belehrungen gegeben werden sollten, welche Art von Meditation und welche Studien benötigt werden. Außerdem reisen viele der Khenpos in die verschiedenen Zentren, was unsere Kommunikation verbessern wird. Doch bald, wenn in Indien alles fertig ist, können wir ein gutes Netzwerk aufbauen. Dann gibt es die Möglichkeit, mit jedem Zentrum völlig ungehindert zu kommunizieren.

Welche Bedeutung haben die "traditionellen" Klöster im Osten für die "modernen" westlichen Laienzentren?
Natürlich müssen wir mit der Zeit gehen. Das bedeutet, dass sich aufgrund der Zeit und der verschiedenen Kulturen selbst die Methode, wie wir den Dharma lehren, ein bisschen unterscheiden wird. Sonst ist es für Leute, die neu zum Buddhismus kommen wirklich nicht leicht. Aber sobald sie ein gutes Verständnis vom Dharma erlangt haben, ist es gut, auch die Tradition zu bewahren. Denn durch die Tradition trägt der Dharma so viel Segen: Durch die Art, wie die erfahrenen Praktizierenden, die alten Lamas oder Rinpoches die Tradition erhalten, die Rituale ausgeführt, gelehrt haben u.s.w. Und die Weise, wie sie die Lehre, zum Beispiel in Texten, bewahrt haben. Heutzutage haben wir natürlich Bücher, nichtsdestotrotz ist es immer noch sehr, sehr wichtig diese Art von Tradition, wie (die alten) Texte oder Klöster, zu haben - denke ich. Aber natürlich ist es für die Neuen wichtig, dass sie einen sehr viel einfacheren Weg haben, um zum Dharma zu kommen.

Wird es für westliche Praktizierende möglich sein, das Tilopa Institute zu besuchen, Meditationsunterweisungen zu erhalten und dort zu praktizieren?
Ja, selbstverständlich! Sobald alles fertig ist, ist jedermann in allen Zentren und Klöstern willkommen!

Werden Sie auch manchmal am Tilopa Institute sein?
Ja, sicher werde ich es besuchen, wenn ich Zeit habe.

Welches sind die wichtigsten Punkte auf die man sich konzentrieren sollte, wenn man heutzutage praktizieren und die buddhistische Lehre authentisch bewahren möchte?
Menschen, die gerade erst anfangen, Buddhismus zu praktizieren, sollte natürlich auf alle Fälle die absoluten Grundlagen des Dharma kennen; am besten die vier grundlegenden Gedanken des Ngöndro. Und dann sollten sie verstehen, dass sie Zuflucht nehmen, weil es außer dem Dharma einfach keine Möglichkeit gibt, sich aus dem Kreislauf der Existenz zu befreien. Aufbauend auf diese vier Grundgedanken kann man sein Verständnis vom Dharma nach und nach vertiefen. Doch das Wichtigste ist immer, die Grundlage völlig lupenrein zu haben; ein ganz und gar klares Verständnis von ihr zu entwickeln, das nicht auf einer weltlichen Vorstellung von Religion basiert. Denn Buddhismus ist auch keine Religion, sondern einfach eine Methode, die uns hilft, uns besser zu benehmen, besser zu denken und besser zu arbeiten.

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