Am 1. Dezember 2003 wurde Karmapa
Thaye Dorje am Karmapa Institute in Neu Delhi
offiziell die Position eines Vidyadhara, oder
Höchsten Tantra Meisters, übertragen.
Damit wurde der Abschluss seines Studiums
der Sutras und Tantras sowie der Erhalt aller
wichtigen Kagyu-Einweihungen im Rahmen einer
feierlichen Zeremonie begangen. Aus aktuellem
Anlass hat Gyalwa Karmapa ein Interview gegeben,
in dem er über die Aktivitäten der
Karma Kagyu Linie in Indien, seine Zukunftspläne
und das Tilopa Institute spricht.
Hintergrund: Der Lehrplan einer Shedra
(buddhistischen Hochschule), wie z.B. in Kalimpong,
besteht aus einem sechsjährigen Studium
der Sutras und dem anschließenden dreijährigen
Studium der Tantras. Zusätzlich werden
weitere Schriften der buddhistischen Philosophie
gelehrt sowie Erkenntnistheorie und die Kunst
des Debattierens. Danach kann der Titel eines
Khenpos (höchster akademischer Grad buddhistischer
Studien) erworben werden.
Wozu dienen diese langen
Studien? Welche Qualifikation hat ein Student
nach Abschluss der Shedra?
Die Schüler und Studenten müssen
vor allem so viel lernen, weil der Dharma
heutzutage nicht nur in Indien oder Tibet
populär ist, sondern auf der ganzen Welt.
Es gibt also viele Menschen, die am Dharma
interessiert sind. Es gibt viele Zentren und
ich denke, dass es in Zukunft sogar viele
Klöster auf der ganzen Welt geben wird.
Aus diesem Grund also, um die Menschen an
den Buddhismus heranzuführen und den
Dharma zu lehren, brauchen wir viele Khenpos.
An der Schule des Tilopa Institute
bildet der Sprachunterricht neben den allgemeinen
buddhistischen Fächern einen weiteren
Schwerpunkt.
Gyalwa Karmapa, welche Pläne haben Sie
für die Schule des Tilopa Institute?
Das Tilopa Institute wird eigentlich sehr
ähnlich wie das Institut in Kalimpong
sein. Ein Ort, an dem junge Mönche ab
einem Alter von etwa 12 Jahren viele Jahre
studieren, ihren Abschluss machen und Khenpo
werden. Das Besondere am Tilopa Institute
ist, dass es sich vor allem darauf konzentriert,
sehr spezielle Übersetzer auszubilden.
Denn bis jetzt sind noch nicht sehr viele
Schriften – wie Ritualtexte und Dharma-Belehrungen
- in andere Sprachen übersetzt worden.
Die Texte wurden nicht speziell von den Karma
Kagyus übersetzt, das ist der Hauptgrund.
Das Tilopa Institute ist ein Ort, der viele
Übersetzer hervorbringen wird.
Dient das Kloster des Tilopa Institute
in Zukunft der Ausbildung weitere junger Mönche
oder wird es eine Art Dauerresidenz für
die ersten 40 Mönche, die jetzt dort
ausgebildet werden?
Es wird einerseits wie eine Schule sein, gleichzeitig
aber auch ein Kloster. Sobald die ersten Mönche
ihr Studium abschließen und sie junge
Khenpos geworden sind, können sie natürlich
selbst Lehrer des Instituts werden. Einige
der Lehrer werden danach vielleicht an andere
Institute gehen, um dort zu lehren.
Die Jungen hier aus dem Himalaja-Gebiet
sind alle ordiniert wenn sie den Dharma studieren.
Nehmen sie die Gelübde, um zu studieren?
Sie haben die Gelübde genommen, weil
sie ihr gesamtes Leben den Dharma Aktivitäten
widmen möchten. In Tibet wurde es allerdings
beispielsweise zur Tradition, dass man bereits
Kinder im sehr frühen Alter von fünf
oder sechs in die Klöster schickte. Ich
denke aber, es wäre besser Jugendliche
erst im Alter von vielleicht 14 oder 15 Jahren
im Kloster aufzunehmen, die selbst entscheiden
können, ob sie ordiniert werden möchten
oder nicht.
Ist es auch für Laien möglich
an Dharma-Schulen zu studieren?
Ja, natürlich ist es möglich. Der
Dharma ist nicht nur für Mönche
und Nonnen bestimmt. Er ist für jeden
Einzelnen. Jedes Individuum kann ihn praktizieren,
wie es möchte. Ich denke in Tibet gründete
sich in den alten Tagen viel auf die Ordination,
weil man dadurch mehr Zeit hatte. Man war
sozusagen frei von einem „normalen“
Leben, in dem durch die viele Arbeit Hindernisse
entstehen. Die Menschen gingen ins Kloster,
um mehr Zeit zu haben, ihr Leben dem Ausüben
von Dharma Aktivitäten zu widmen und
auch selbst den Dharma zu praktizieren. Aber
natürlich kann man das auch als Laie
tun. Es wird in gewisser Weise einfach ein
bisschen schwieriger sein, eben weil... mehr
Arbeit.
Wird es in Zukunft also Shedras für
Laien geben, um den Dharma zu studieren?
Ich denke für Laien wird es nicht ganz
genau das gleich geben. Es sollte etwas anders
sein, eher so eine Art KIBI (Karmapa International
Buddhist Institute).
Die buddhistischen Schulen hier in
Indien sind alle nur für Männer.
Gibt es keine Frauen, die Interesse an diesen
Studien haben?
Es gibt viele Religionen rund um die Welt
- richtig? Doch Buddhismus ist genau genommen
eigentlich keine Religion. Meinem Verständnis
nach ist Buddhismus hauptsächlich eine
Methode. Einfach eine Methode oder ein Weg,
um bessere Gewohnheitsmuster zu entwickeln.
So würde ich es ausdrücken.
Deshalb war Buddha sozusagen der erste Lehrer,
der etwas lehrte, was für Männer
und Frauen gleichermaßen gilt. In einer
Zeit, in der es Kastensysteme gab und die
Ansicht, dass Frauen minderwertig sind u.s.w.
lehrte Buddha jeden den Dharma, um alle gleichzustellen
und deutlich zu machen, dass es keine Unterschiede
und Hierarchien gibt. Aber natürlich
gingen danach sogar in Indien die gleichen
Lebensgewohnheiten und Traditionen weiter
und auch in Tibet, wo der Buddhismus sich
verbreitete.
Heutzutage gibt es Redefreiheit und die Vorstellung,
dass jeder gleich ist, dass jeder das gleiche
Potential besitzt und dass jeder alles machen
kann, ist viel verbreiteter. Ich denke, das
ist eine sehr gute Weise, die Dinge zu erfahren,
eine bessere Art zu leben. Und durch diese
Lebensweise wird der Dharma sogar zu einem
noch besseren Werkzeug, um zu zeigen, was
Buddha lehrte. Es ist auch mein zukünftiges
Ziel, für beide gleiche Institute und
gleiche Retreat-Zentren zu schaffen, für
Mönche und Nonnen. Es gibt also keinen
Unterschied.
Welche Rolle spielen die Klöster
in Indien für den Buddhismus und im Besonderen
für die Karma Kagyu Linie?
Jede Schule des Tibetischen Buddhismus, wie
die Sakya, Nyingma, Kagyu, hat ihre eigenen
Rituale und Praktiken aus ihrer jeweils eigenen
Quelle. Im Moment haben wir keinen richtigen
Hauptsitz in Indien, aber sobald wir ihn haben,
werden wir wieder mit den Ritualen fortfahren,
die wir vorher gemacht haben, so wie Gyalwa
Gyamtso (Allmächtiger Ozean), Phagmo
(Rote Weisheit), Demtchok (Höchste Freude).
Diese Pujas (gesungene Meditation) haben wir
jedes Jahr gemacht und diese Art Programm
wird dann fortgeführt. Darüber hinaus
können wir auch mit dem Drubdra (Retreat-Zentrum)
beginnen. Das Retreat-Zentrum ist für
uns natürlich sehr, sehr wichtig, da
viele Belehrungen der Kagyupas vor allem auf
Meditation und Realisation durch Meditation
basieren. Zu diesem Zweck wird es viele Orte
für Zurückziehungen in Indien geben.
Wenn Sie über den Drubdra sprechen,
meinen Sie das Drei-Jahres-Retreat oder gibt
es auch kürzere Zurückziehungen?
Wir werden hauptsächlich Nachdruck auf
das Drei-Jahres-Retreat legen, da die Mönche
alle Zeit haben, die sie brauchen. Sobald
sie in Zurückziehung gehen, können
sie für lange, lange Zeit bleiben.
Das Retreat wird nach der Shedra
kommen?
Ja, das wird das Beste sein.
Können Sie uns etwas über
die Ausbildung der jungen Mönche im Kloster
erzählen. Über die verschiedenen
Meditationspraktiken, die sie lernen und den
Stellenwert der Rituale?
In Klöstern, wie denen in Tibet, lernten
die jungen Mönche im Alter von fünf
oder sechs Jahren normalerweise erst einmal
Lesen und Schreiben. Vor allem Lesen und das
Auswendiglernen von vielen Texten. Aber in
diesem Fall keine philosophischen Texte wie
das Madhyamaka, sondern viele Ritual-Texte.
Sie mussten diese Texte und die Ausführung
der meisten Rituale lernen.
Wenn sie dann Erwachsen wurden, widmeten sie
ihr Leben sozusagen den monatlichen Pujas.
Jedes Jahr haben sie ein Programm und führen
dieses Programm immer und immer wieder aus.
Natürlich ist das an sich keine Praxis,
aber das galt nur für das Hauptkloster.
Zusätzlich gab es nahe dem Kloster die
Schule (Shedra) und das Retreat-Zentrum (Drubdra).
In jenen Tagen musste man sich zwischen Shedra
oder Drubdra entscheiden, oder man ging in
beide.
Ich denke, dass es in Zukunft viel klüger
wäre, die jungen Praktizierenden zuerst
im Kloster zu ordinieren. Danach besuchen
sie dann die Shedra, so dass sie von allem
ein sehr gutes Wissen vermittelt bekommen.
Denn in der Shedra lernt man alles, vom ABC
bis zu den höchsten Stufen der Lama-Belehrungen.
Außerdem muss man heutzutage verschiedene
Sprachen, Wissenschaften, Geschichte und ähnliches
lernen. Sobald sie das getan haben, können
sie in den Drubdra gehen, das Retreat- Zentrum.
Ich denke, das wird der beste Ablauf sein.
Werden die zukünftigen Absolventen
der Shedra auch die westlichen Zentren besuchen,
um zu lehren?
Selbstverständlich! Sie werden in die
verschiedenen Zentren um die Welt reisen.
In Zukunft, sobald wir in Indien eine sehr
starke Basis haben, werden wir - wenn es möglich
ist und wo es zu der jeweiligen Kultur des
Landes passt - auch nach und nach überall
Klöster, Shedras und alles andere haben.
Genauso wie in Indien.
In Europa, Amerika, Südost- und Ost-Asien
gibt es eine steigende Zahl von Laien Zentren,
Klöstern, Bibliotheken, Studien- und
Meditationskurse, wo die Belehrungen auf unterschiedliche
Weise gelernt und praktiziert werden. Alle
tragen dazu bei, den Kagyu-Buddhismus zu erhalten
und zu verbreiten.
Welche Bedeutung sehen Sie im Austausch
und der gegenseitigen Unterstützung von
Praktizierenden in Ost und West?
Ich bin hauptsächlich in Europa und in
Südost-Asien und zuletzt in Amerika gereist.
Durch all die Reisen habe ich gelernt, welche
Art von Belehrungen gegeben werden sollten,
welche Art von Meditation und welche Studien
benötigt werden. Außerdem reisen
viele der Khenpos in die verschiedenen Zentren,
was unsere Kommunikation verbessern wird.
Doch bald, wenn in Indien alles fertig ist,
können wir ein gutes Netzwerk aufbauen.
Dann gibt es die Möglichkeit, mit jedem
Zentrum völlig ungehindert zu kommunizieren.
Welche Bedeutung haben die "traditionellen"
Klöster im Osten für die "modernen"
westlichen Laienzentren?
Natürlich müssen wir mit der Zeit
gehen. Das bedeutet, dass sich aufgrund der
Zeit und der verschiedenen Kulturen selbst
die Methode, wie wir den Dharma lehren, ein
bisschen unterscheiden wird. Sonst ist es
für Leute, die neu zum Buddhismus kommen
wirklich nicht leicht. Aber sobald sie ein
gutes Verständnis vom Dharma erlangt
haben, ist es gut, auch die Tradition zu bewahren.
Denn durch die Tradition trägt der Dharma
so viel Segen: Durch die Art, wie die erfahrenen
Praktizierenden, die alten Lamas oder Rinpoches
die Tradition erhalten, die Rituale ausgeführt,
gelehrt haben u.s.w. Und die Weise, wie sie
die Lehre, zum Beispiel in Texten, bewahrt
haben. Heutzutage haben wir natürlich
Bücher, nichtsdestotrotz ist es immer
noch sehr, sehr wichtig diese Art von Tradition,
wie (die alten) Texte oder Klöster, zu
haben - denke ich. Aber natürlich ist
es für die Neuen wichtig, dass sie einen
sehr viel einfacheren Weg haben, um zum Dharma
zu kommen.
Wird es für westliche Praktizierende
möglich sein, das Tilopa Institute zu
besuchen, Meditationsunterweisungen zu erhalten
und dort zu praktizieren?
Ja, selbstverständlich! Sobald alles
fertig ist, ist jedermann in allen Zentren
und Klöstern willkommen!
Werden Sie auch manchmal am Tilopa
Institute sein?
Ja, sicher werde ich es besuchen, wenn ich
Zeit habe.
Welches sind die wichtigsten Punkte
auf die man sich konzentrieren sollte, wenn
man heutzutage praktizieren und die buddhistische
Lehre authentisch bewahren möchte?
Menschen, die gerade erst anfangen, Buddhismus
zu praktizieren, sollte natürlich auf
alle Fälle die absoluten Grundlagen des
Dharma kennen; am besten die vier grundlegenden
Gedanken des Ngöndro. Und dann sollten
sie verstehen, dass sie Zuflucht nehmen, weil
es außer dem Dharma einfach keine Möglichkeit
gibt, sich aus dem Kreislauf der Existenz
zu befreien. Aufbauend auf diese vier Grundgedanken
kann man sein Verständnis vom Dharma
nach und nach vertiefen. Doch das Wichtigste
ist immer, die Grundlage völlig lupenrein
zu haben; ein ganz und gar klares Verständnis
von ihr zu entwickeln, das nicht auf einer
weltlichen Vorstellung von Religion basiert.
Denn Buddhismus ist auch keine Religion, sondern
einfach eine Methode, die uns hilft, uns besser
zu benehmen, besser zu denken und besser zu
arbeiten.
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